Der Erwei­te­rungs­bau der Zentral­bibliothek Zürich

Eine Biblio­thek im Zentrum
Der Gedanke, die Kan­tons- und die Stadt­bi­blio­thek zu einer wis­sen­schaft­li­chen, uni­ver­si­tä­ren Biblio­thek zu ver­ei­nen, ent­stand bereits im Jahr 1896. Nach mehr­jäh­ri­gen Ver­hand­lun­gen und einer Volks­ab­stim­mung stimmte der Kan­ton am 28. Juni 1914 dem Bau einer Zentral­bibliothek zu. Als Stand­ort für das Vor­ha­ben wählte man die Flä­che des frü­he­ren Kon­vent­ge­bäu­des des Pre­di­ger­klos­ters, das im Jahr 1887 nie­der­ge­brannt war. 1917, nach drei Jah­ren Bau­zeit, öff­nete die neue Zentral­bibliothek Zürich das erste Mal ihre Pfor­ten. Das zurück­hal­tend ange­legte Gebäude mit zeit­ge­mäs­ser Stahl­be­ton­kon­struk­tion und Sand­stein­fas­sade stammt aus der Feder des dama­li­gen Kan­tons­bau­meis­ters Her­mann Fietz. Es besteht aus drei Tei­len: dem Ver­wal­tungs­bau am Zäh­rin­ger­platz, dem Lese­saal­bau im Zen­trum der Anlage, sowie dem Maga­zin­bau an der Müh­le­gasse und der Chor­gasse. Das gesamte Bau­werk hat eine Nutz­flä­che von 10 000 m2.

Über­le­gens­wert — vor allem im Hin­blick auf die wei­tere Dis­kus­sion der Schutz­wür­dig­keit von Bau­ten im Stadt­ge­füge – scheint die Frage, ob es nicht rich­ti­ger wäre, manch­mal den Schutz des Objek­tes und der Nut­zung — deren gleich­zei­tige Durch­set­zung oft zu frag­wür­di­gen Kom­pro­mis­sen führt — zuguns­ten einer dyna­mi­sche­ren Ent­wick­lungs­vor­stel­lung, die das ganze Stadt­ge­füge mit­ein­be­zieht, aufzugeben. 

Ueli Schä­ferZeit­schrift Bauen + Woh­nen, Aus­gabe 32, 1978

Mehr Platz gewünscht
Die klare, zweck­mäs­sige Struk­tur der Zentral­bibliothek mit ihren kur­zen Ver­kehrs­we­gen galt lange Zeit als mus­ter­gül­tig. Die wach­sen­den Bestände brach­ten ihr Platz­an­ge­bot jedoch schon bald an seine Gren­zen. Bereits 1946 war des­halb das erste Mal ein Erwei­te­rungs­bau im Gespräch. Vor­sorg­lich erwarb die Stadt dafür die Häu­ser zwi­schen Chor­gra­ben und Seilergra­ben. 1968 begann man mit der Pla­nung. Den­noch ent­schied man sich erst elf Jahre spä­ter nach einem zwei­stu­fi­gen Wett­be­werb für einen Ent­wurf, das Pro­jekt der Archi­tek­ten Alex W. und Heinz P. Eggi­mann. Nach zwei wei­te­ren Jah­ren der Pla­nung ent­stand schliess­lich 1982 ein Ent­wurf, der 1986 die Stimm­bür­ger von Stadt und Kan­ton Zürich über­zeugte. Nach wei­te­ren drei­ein­halb Jah­ren began­nen die Bau­ar­bei­ten mit der Spren­gung der Häu­ser­zeile am Seilergra­ben. Ein spek­ta­ku­lä­rer Auf­takt, der Teile der Stadt­mauer aus dem 13. Jahr­hun­dert freilegte.

Die Geo­lo­gie des Standorts
Der Neu­bau stellte die Betei­lig­ten jedoch vor einige Her­aus­for­de­run­gen. Denn der neue Gebäu­de­kom­plex grenzt direkt an den Pre­di­ger­chor und an das Stamm­haus der Zentral­bibliothek. Aus Sicht der Geo­lo­gie steht in Tie­fen von 9 bis 29 Metern die obere Süss­was­ser­mo­lasse an, eine Wech­sel­la­ge­rung von Sand­stei­nen, Mer­geln und Silt­stei­nen. Dies stellte für das Ein­bin­den der Schlitz­wände eine erheb­li­che Anfor­de­rung dar. Die dar­über lie­gende Locker­ge­steins­de­cke ist stark vor­be­las­tet. Dar­über lagern tal­sei­tig 3–4 m dicke Sande, die von einer obe­ren Grund­mo­räne und schluss­end­lich von der Ober­mo­räne mit ver­schwemm­tem Morä­ne­ma­te­rial über­deckt ist. Die obers­ten Schich­ten bestehen etwas Gehän­ge­lehm und künst­li­che Auf­fül­lun­gen. Der Grund­was­ser­spie­gel liegt etwa 7.50 m unter dem Terrain.

Ein muti­ger Schritt
Hen­auer Gug­ler zeich­nete ver­ant­wort­lich für das Vor- und Bau­pro­jekt, die Aus­schrei­bung und die Rea­li­sie­rung inklu­sive der Bau­lei­tung für die gesamte Bau­grube und der Trag­struk­tur. Bei den Erd­ar­bei­ten für den Aus­hub des Erwei­te­rungs­baus legte man Teile des Stadt­mau­er­fun­da­ments frei. Sie wur­den mit bau­li­chen Mass­nah­men gesi­chert und in den Ver­wal­tungs­trakt inte­griert. Für die Umschlies­sung der Bau­grube plante Hen­auer Gug­ler auf­grund der geo­lo­gi­schen Ver­hält­nisse eine Schlitz­wand. Die Arbei­ten daran führte man mit einer Schlitz­wand-Fräse aus. Ein muti­ger Schritt und eine abso­lute Pre­miere in der Schweiz. Die Schlitz­wand ist bis 25 m tief und hat eine Stärke von 60 cm bis 80 cm. Dies diente spä­ter der Auf­nahme einer elas­ti­schen Grund­was­ser­iso­la­tion mit einem Prüf- und Injektionssystem.

Von oben nach unten
Auf­grund der sehr engen Platz­ver­hält­nisse wählte man für die Unter­ge­schosse die Deckel­bau­weise und ent­schied sich, die Geschosse von oben nach unten zu erstel­len. Dafür fer­tigte man als Ers­tes die oberste Stahl­be­ton­de­cke. Den Bau­gru­ben­aus­hub für das erste Unter­ge­schoss rea­li­sierte man über Decken­öff­nun­gen unter­halb der Geschoss­de­cke des ers­ten Unter­ge­schos­ses. Die vor­han­dene Decke diente dabei als Spriess­kranz für die Schlitz­wände der Bau­gru­ben­um­schlies­sung. Nach den Abdich­tungs­ar­bei­ten an den Aus­sen­wän­den folgte die Decke des 2. Unter­ge­schos­ses mit den Stüt­zen­an­schlüs­sen sowie den Gebäu­de­aus­sen­wän­den ent­lang der Bau­gru­ben­si­che­rung. So ent­stan­den nach­ein­an­der 6 Untergeschosse.

Ein leben­di­ges Stück Geschichte
1993 fei­erte man Richt­fest und ein Jahr spä­ter 1994 die Wie­der­öff­nung der Zentral­bibliothek Zürich. Heute ste­hen Biblio­the­ken durch die digi­tale Auf­lö­sung tra­di­tio­nel­ler räum­li­cher Ord­nun­gen ver­mehrt in Kon­kur­renz zuein­an­der. Mit mehr als sechs Mil­lio­nen Medien und einer hal­ben Mil­lion Besu­chern pro Jahr ist die Zentral­bibliothek Zürich aber noch immer eine der gröss­ten Biblio­the­ken der Schweiz und ein leben­di­ges Museum der Geschichte der Stadt Zürich.

Lage­plan der Zentral­bibliothek Zürich. Mas­stab 1:1500.
Chor der Pre­di­ger­kir­che und Ost­front des Maga­zin­baues. Mas­stab 1:500.
Haupt­fas­sade der Zentral­bibliothek, dane­ben Turm (erbaut 1900) und West­front der alten Pre­di­ger­kir­che. Mas­stab 1:500.